-in lauter Trauer

Welch gute Idee für eine Webseite von „In-lauter-Trauer„und das möchte ich gerne mit einem kleinen Text von  mir unterstützen:

Gustav S. war der Erste. 

Der erste Sterbende in meinem Leben. Im 1. Lehrjahr am 1. Juni vor 43 Jahr.
Die Geschichte mit Gustav bleibt so besonders, weil er nicht nur mein erster Sterbender. Nein, auch die Geschehnisse drumherum waren fast alle ein Erstes, ein erstes Mal.
Beim Bettenmachen am ersten Tag meines 1 praktischen Einsatzes auf Station 1 lernte ich ihn kennen. Das Bein von Zimmer 1. Lag wort- und regungslos auf dem Rücken in einem blütenweiss bezogenen Bett. Wie Gustav atmete!
Das Bett mit Gustav stand linker Seite an der Wand eines kleinen Raumes. Hinter seinem Kopf gegenüber der Tür zum Flur befand sich ein Fenster. Dort stand eine alte Linde. Ihre letzten Blütenköpfe wehten durch die Lücke des Angeklappten. Das Rauschen der Lindenblätter im milden, sanften Frühsommerwindes war wie Musik im Hintergrund. Auf einem kleinen quadratischen Tisch linkerhand des Bettes, in Höhe des Kopfteils, lag, ein aus naturweissem Leinen handgewebtes Deckchen, quer zum Quadrat der Tischplatte. Darauf stand, nicht mittig, eine recht dicke Kerze. Daneben lagen Streichhölzer, eine Bibel und ein kleiner, bunter, selbstgepflückter Wiesenblumenstrauss in einer Glasvase.
Die mich begleitende Pflegekraft riss Gustav die Bettdecke hoch. Das Bein! Niemals zuvor hatte ich so etwas gesehen. Der Stumpf dunkelblau-schwarz. Es roch nach Linden. Die auch anleitende Pflegekraft drückte mir eine Spritze in die Hand, zeigte auf eine Stelle oberhalb des Stumpfes und sprach: “Spritz! Es tut nicht mehr weh.” Darauf verliess sie den Raum. Mit erster Spritze in der Hand stand ich und blickte auf Gustav. Aber wir waren nur kurz allein, weil die Tür sich öffnete. Die Stationsschwester begleitet von einem Pfarrer kam herein. Sie entzündete die Kerze. Der Pfarrer nahm die Bibel in die rechte Hand. In der anderen hielt er eine Schale mit Weihwasser, die er mitgebracht hatte. Er legte die Bibel auf Gustavs Brust. Sprach ein lateinisches Gebet. Schlug mit dem Weihwasser, welches er nicht abgestellt hatte, ein Kreuz auf Gustavs Stirn und als ob Gustav befreit sei öffnete er die Augen und schaute uns langsam der Reihe nach an. Es schien als ob er lächelte, holte ein letztes Mal tief Luft und hätte de Wind nicht weiter gesungen, wäre es totenstill gewesen. Ich mit der unbenutzten Spritze in der Hand. Die gefalteten Hände der Nonne, der Priester mit dem Weihwasser in der Hand. Alles ein erstes Mal. Um 8.30 am Morgen des ersten Tag.
Gustav und die kurze, intensive Zeit unseres Zusammentreffen hat mein Pflegeverhalten, aber auch wie ich trauere, lebenslang geprägt. Gustav ist immer in meinem Herzen.
Warum erzähle ich Euch diese Geschichte? Die Nähe, die ich zu einem Menschen verspüre, ist nicht abhängig von Zeit, Raum, Geschlecht oder sonst irgendetwas. Sie ist. Energie. Alle meine jetzt Toten?( und die Lebenden) lehren mich leben. Jeder auf seine Weise. Und für sich; wichtig. Keiner ist wie der Andere. Wie wunderbar. Zu lieben.

 

9 Gedanken zu “-in lauter Trauer

  1. Hat dies auf ilseluise rebloggt und kommentierte:
    Die erste Sterbebegleitung,
    jaja, ich erinnere mich.
    Muss so 1997 gewesen sein oder ’98,
    bei einer Familie zu Hause,
    der alte Großvater lag im Sterben,
    wir (Kinder, Enkel etc.) waren im Schlafzimmer,
    wir beteten für ihn und für uns und für die anderen
    und segneten ihn …
    und da nahm er einen letzten tiefen Atemzug
    und hauchte sein Leben aus.
    So kann es sein.
    Die Zugehörigen sagten später:
    „Schön war es.“

  2. Bin in der Frühe auf deinen Blog gestoßen und sehr berührt. Ich war selber Krankenschwester und -ähnlich wie du- wurde ich bei meinem ersten Tag auf der Station mit dem Tod konfrontiert. Es war ein friedliches Erlebnis und es hat mich später bewogen, mich zur Sterbe- und Trauerbegleiterin ausbilden zu lassen. Eine kostbare Erfahrung. Ach…und nun ruft draußen ein Käuzchen…. Zufall? Es grüßt Marie

    • Hej Marie! Das Käuzchen ist kein Zufall, da bin ich mir sicher. Das Krankenhaus war ein sehr altes Haus der Venetianerinnen und von alten Bäumen umstanden. Dort lernte ich viel Zeit beim Sterben zu lassen, insbesondere nach Eintritt eines Herzstillstandes – und ein Fenster zu öffnen. Übergänge im Mai/Juni in den frühen Morgenstunden finde ich sehr besonders. So wie Sonntagskinder. Herzliche Grüsse Ruth

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